Sunday, June 13, 2010

Abgewürgte Debatte zur Holocaust-Religion

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Erstveröffentlichung in Inamo Nr. 62, Sommer 2010.
-->Foto einer Protestversammlung Überlebender (Fotograf: Tomer Apfelbaum)

Deutsche Mainstream-Medien dürfen sich nicht der wachsenden jüdischen Kritik am Missbrauch des NS-Judeozids durch den israelischen Staat und ihm nahestehende Organisationen und Personen anschliessen. Dies musste auch die Israelin Iris Hefets erfahren, als sie in der taz vom 9. März (Pilgerfahrt nach Auschwitz – Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden) eben diesen Missbrauch anprangerte. Offensichtlich war die Veröffentlichung von Hefets‘ Kommentar ein Betriebsunfall bei der taz, denn nach einer vernichtenden Replik, die nebst nebensächlicher berechtigter Kritik nur peinlich war (Alexander Hasgall, Lehren aus dem Holocaust, taz, 18. März), wurde die längst fällige und notwendige Debatte frühzeitig abgewürgt. Es kam sogleich die Antisemitismus-Keule zum Zug: »Wer Israel dämonisiert, spielt damit nur Antisemiten in die Hände«.

Abgewürgte Debatte zur Holocaust-Religion

Von Shraga Elam

Über die Frage, ob es sich hier um eine Dämonisierung oder berechtigte Kritik handelte, durfte weder in der taz, noch bei einer Podiumsdiskussion, organisiert von der Berliner jüdischen Gemeinde am 27. April 2010, debattiert werden. Zum ‚Volkstribunal‘ wurde die taz-Chefredakteurin Ines Pohl eingeladen, die redaktionell für die Veröffentlichung von Hefets’ Kommentar verantwortlich war. Schon die einseitige Zusammensetzung und die Weigerung des Veranstalters, Hefets eine Chance zu geben, ihre Argumente zu präsentieren, deuteten auf ein undemokratisches Verfahren, was sich dann auch bestätigte.
Gleichzeitig ist festzuhalten, dass Hefets leider unnötige Angriffsflächen bot. So behauptete sie fälschlicherweise, dass das hebräische Wort Shoa (Katastrophe), welches mittlerweile auch international für den NS-Judeozid verwendet wird, ein religiöser Begriff sei. Nun kommt das Wort zwar im Alten Testament vor, es hat aber trotzdem keine spezielle religiöse Bedeutung und wird im modernen Hebräisch ganz säkular verwendet. Schon am 17.9.1939 bezeichnete die Zeitung Davar die bevorstehende Zerstörung des polnischen Judentums als Shoa. In der Folge wurden die Wörter Shoa und Khurban (Zerstörung) als Synonyme für den NS-Judeozid verwendet. Der Terminus Holocaust hingegen ist, was Hefets nicht erwähnt, ausschliesslich religiösen Ursprungs und bezeichnet ein Brandopfer oder Ganzopfer. Diese unsinnige Bezeichnung wurde in den 50er-Jahren eingeführt.
Noch gravierender wiegt Hefets’ Versäumnis zu erwähnen, dass ihr Debattenbeitrag zu einen  aktuellen inner-israelischen bzw. jüdischen Diskurs Stellung nahm. Viele, die des Hebräischen nicht mächtig sind, wissen nicht, welche heftigen Argumente in Israel - und nicht nur in diesem Zusammenhang - benutzt werden. Hefets’ Kritik an der Auschwitz-Pilgerfahrt israelischer Gymnasiasten ist weder originell noch besonders radikal. Diese Schulreisen sind in Israel seit Jahren sehr umstritten. Auch Norman Finkelsteins im Jahr 2000 publizierte bekannte "Holcaust-Industrie" ist weder von der Bezeichnung, noch deren faktischem Inhalt her originell oder radikal. Der Psychologie-Professor der Haifa-Universität,  Benjamin Beit-Hallahmi,  benutzte den Begriff nämlich schon 1992 und stellt dabei keinen Anspruch dessen Wortschöpfer zu sein. Dem legendären ehemaligen Aussenminister Abba Eban wird der Spruch »There's no business like Shoa business« zugeschrieben, womit er den finanziellen Missbrauch des NS-Judeozids kritisierte.
Schon 1997 gab es mehrere kritische Beiträge in israelischen Mainstream-Medien gegen die Missstände bei der Dachorganisation für „Wiedergutmachungs“-Fragen, The Conference on Jewish Claims Against Germany (kurz Claims Conference oder JCC genannt). 2008 strahlte der wichtigste TV-Sender Channel 2 in seiner Hauptsendezeit den Dokumentarfilm »Die Ethik der Wiedergutmachung« (Mussar Ha’Schilumim) aus, die die Korruption der JCC thematisierte.
Zahlreiche fundierte Medienberichte warfen der Regierung, Banken und einigen Unternehmen Veruntreuung von Shoa-Opfer-Vermögen in einem Umfang vor, der die Rolle des Finanzplatzes Schweiz bei weitem übersteigt. Trotz parlamentarischer Untersuchung und anderer seriöser Investigation wird nur sehr zaghaft ein Bruchteil des Vermögens an legitime Erben zurückerstattet[1]. Dieser staatliche organisierte Raubzug wird durch eine systematische langjährige Misshandlung von Shoa-Überlebenden prächtig ergänzt. In Israel herrscht ein breiter Konsens darüber, dass in kaum einem anderen Land Überlebende so schlecht behandelt wurden und werden wie in Israel[2].
Forschungen wie jene der Professorin Idit Zertal beweisen, wie Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg für politische Zwecke missbraucht wurden. Der Forscher Arik Karmann belegt[3], dass es möglich gewesen wäre, weit mehr Überlebende bequemer und sicherer auf legalem Weg nach Palästina zu transportieren, als mit der sagenumwobenen illegalen zionistischen Einwanderung, die durch das Schiff "Exodus" bekannt wurde. Doch die Bilder von brutalen britischen Soldaten, die gegen hilflose Shoa-Überlebende vorgingen, waren von  enormer Bedeutung für den politischen Kampf zur Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina.
Der finanzielle und politische Missbrauch des Elends von Nazi-Opfern durch israelische Staatsorgane verhinderte nicht die Schaffung einer heuchlerischen Gedenkkultur, die immer mehr religiöse Züge annahm. Diese Holoaust-Religion hat zur Rechtfertigung israelischer Kriegsverbrechen, zur Gehirnwäsche von Anhängern des Zionismus und zur Verhinderung berechtigter Kritik am “Juden“-Staat gedient, der – nota bene – die Interessen der meisten Juden gar nicht vertritt[4].
Die öffentliche Debatte - auch in Deutschland - über solche Missstände dient primär nicht den Judeophoben. Denn diese profitieren, nebst bornierten Zionisten, eher von der Tabuisierung des Themas. Eine offene und ehrliche Diskussionskultur ist also dringend notwendig.

Shraga Elam ist israelischer anti-zionistischer Aktivist und Journalist mit Wohnsitz in Zürich.



[1]Shraga Elam,Israel raubt Shoa-Vermögen, 2005. http://www.scribd.com/doc/24894320/Israel-raubt-Shoa-Vermogen). Shraga Elam, The Holocaust Industry Doesn't act Against Israel as it did Against Switzerland, Al-Majdal, 2005 http://www.badil.org/en/al-majdal/item/937-the-holocaust-industry-doesn%5C%27t-act-against-israel-as-it-did-against-switzerland  
[2] Der bekannte israelische Publizist Eliahu Salpeter schrieb im Vorspann seines Artikels:
»Es gibt keinen anderen Staat in der Welt, der mit solcher Missachtung bei der Restitution von Vermögen von Shoa-Opfern wie Israel agiert, das nicht bereit ist, Überlebenden einen minimalen Betrag zu geben, welcher ihnen eine würdige Existenz für die letzten Jahre ihres Lebens garantieren könnte. « (Eliahu Salpeter, For a handful of shattered people, little will do, Ha’aretz 28.11.2006. Der Vorspann, oben aus dem Hebräischen übersetzt, fehlt in der englischen Internet-Version)
[3] Arik Karmann, Das Kriegsschiff der illegalen Immigranten (Oni’yat Ha’Milchama shel Ha’Ma’apilim), Arie Nir Verlag, Tel Aviv 2009 (Hebr.)
[4] Für ausführlichere Abhandlungen s.: 


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